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BeitragVerfasst: 29.10.2004, 08:30 
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Jetzt, wo sich hier auch zunehmend die Schärfe-Anhänger beteiligen, wird mir klarer, welches eure Argumente sind. Das erste Argument ist:

Bohn hat geschrieben:
Bei jedem anderen Bild ist, so finde ich, eine hohe Schärfeausbeute anzustreben. Ein tolles Beispiel hierür, liefern die Bilder von Heinz (Max-Douglas). Diese sind für mich der Maßstab, was mit den heutigen Möglichkeiten an Schärfe machbar ist. Für mich ist ganz klar eine solche Bildgestaltung der Favorit.

Mal etwas überspitzt lautet die Aussage hier doch, dass ein Bild dadurch gut wird, dass es scharf ist. Das kann ich so aber nicht unterschreiben: Ein gutes Bild ensteht dadurch, dass die Bildaussage, die Gestaltung und die Technik eine sinnvolle Einheit ergeben. Ein nur scharfes Bild kann zwar ein technisch gutes Bild sein, aber eben noch lange kein „gutes Bild“. Ich halte es für eine Verkehrung der Tatsachen, die technische Sicht über die inhaltliche zu stellen.

(Indem ich das schreibe, fällt mir auf, weshalb vielleicht einige Fotografen die Technik so weit nach vorn stellen: In Deutchland wird ja Fotografie tatsächlich noch als Handwerk gelehrt, und da kann es schon sein, dass noch vielfach eine rein handwerkliche Sicht gelehrt wird. Aber ich denke, es ist offensichtlich, dass es viel zu kurz greifen würde, die Fotografie auf ihre Technik zu reduzieren.)

Das zweite Argument der Schärfe-Anhänger lautet:
Bohn hat geschrieben:
Ich finde letztendlich muss auf jeden Fall erkennbar sein, ob die Schärfe bzw. Unschärfe als Stilmittel eingesetzt wurde oder nicht. Falls dieses eines Kommentares bedür-fen sollte, hat der Fotograf meines Erachtens schon versagt.


Sehen wir uns hierfür die möglichen Ursachen an, wieso ein Bild unscharf sein kann: Der Fotografin (lassen wir sie hier auch mal eine Frau sein) hat
A. Die Unschärfe als Stilmittel eingesetzt
B. Sie billigend in Kauf genommen
C. Gar nicht bemerkt.

So ziemlich alle hier stimmen zu, dass es Unschärfen vom Typ A gibt, und wir haben ja auch hier einige sehr überzeugende Beispiele gesehen. Unschärfe vom Typ B könnte z.B. enstehen, wenn unvermittelt vor uns das Ungeheuer von Loch Ness auftaucht und wir gerade noch einmal mit etwas falschen Einstellungen abdrücken, bevor es wieder untertaucht. Der Inhalt des Bildes ist dann so wichtig, dass man es auch ohne technische Vollkommenheit als sehenswert einstuft. Vielleicht haben ja auch zweimal abgedrückt, einmal ist es etwas schärfer geworden, das andere mal weniger. Es kann durchaus sein, dass das unschärfere Bild die Aussage (also: z.B. gefährlich, geheimnisvoll, nebelig) viel besser vermittelt und wir uns daher nachträglich entscheiden, das unschärfere Bild zu verwenden. Dann rutscht das Bild von Klasse B in Klasse A. Kann auch sein, dass wir von dem Ereignis so beeindruckt waren, dass wir überhaupt nicht mehr wahrnehmen, dass außer uns niemand die gefährlichen Zähne und glühenden Augen sieht. Dann rutscht das Bild in Klasse C.

Wir sehen, dass es einen fließenden (sozusagen unscharfen) Übergang zwischen den Klassen gibt. Versetzen wir uns jetzt in die Lage des Betrachters. Um zu beurteilen, ob das Bild eine stimmige Gesamtheit von Aussage, Gestaltung und Technik ist, muss er zunächst die Absicht der Fotografin erkennen und das Bild einer der Klassen zuordnen. Und genau hier wendet die Schärfe-Fraktion den Trick der Beweislastumkehr an:
Gregor hat geschrieben:
Wenn mir die Unschärfe als Stilmittel nicht gleich ins Auge springt und ich das Bild daher als "unscharf" ansehe, dann hat der Fotograf bei der Ausführung der Aufnahme einen Fehler gemacht, da seine Intention nicht klar rüberkommt.


Der Betrachter wird von jeglicher intellektueller Leistung freigesprochen und muss die Absicht nicht mehr erkennen, sondern nur noch kennen (z.B. dadurch, dass die Fotografin ihre Absicht dazuschreibt oder dass das Bild sogar in einer separaten Rubrik steckt).

Es wäre aber einfach nur ein Armutszeugnis, wenn man als fotografisch geschulter Betrachter nicht in der Lage ist, eine eigene Klassifizierung des Bildes vorzunehmen, die der Absicht der Fotografin gerecht wird. Selbstverständlich ist es ihre Aufgabe, die Absicht im Bild möglichst deutlich zu machen, und selbstverständlich kann sie hierbei ebenfalls einen Fehler machen, durch den die Absicht nicht deutlich genug wird. Aber wir können keinesfalls den Betrachter von dem Erbringen einer intellektuellen Leistung ausnehmen, und daher kann er bei seiner Bildinterpretation ebenso Fehler machen wie die Fotografin bei der Erstellung des Bildes. Die Aufgabe in der Galerie muss doch sein, in einen Dialog zwischen Fotografin und fotografisch gebildetem Betrachter einzutreten, in dem beide ihren Teil der Leistung erbringen.


Also zusammenfassend: Der „Absolutheitsanspruch der Schärfe-Fraktion“, den ich hier kritisiere, äußert sich auf zwei Ebenen: 1. Die Technik wird über Bildaussage und über Gestaltung gestellt. 2. Der Betrachter wird zu einem rein passiv Aufnehmenden degradiert, der sich nicht an der Bildkommunikation beteiligt. Beides halte ich für eine unangemessene Verarmung des Mediums Fotografie.


PS: Da ich ja jetzt sozusagen zufällig an der Leistungskursarbeit von kks teilgenommen habe, bin ich sehr gespannt, was jemand dazu sagt, der (bzw. die) nicht nur von Fotografie Ahnung hat, sondern auch von Kunst.

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BeitragVerfasst: 29.10.2004, 09:09 
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Das Thema`Schärfe-Unschärfe´wird hier in hervorragender Weise analytisch durchleuchtet ubd argumentativ überzeugend dem Leser vorgetragen. (Besonders das Beispiel Loch Ness macht dies deutlich)
Die Schlussfolgerung sollte uns allen als Fotografen zu denken geben.

29.10.04 KS

P.S. Schön, dass die Protagonistin mal eine Frau ist!


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BeitragVerfasst: 29.10.2004, 09:50 
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Achtet bitte auf die einzigen Kommentare. Mehr sag ich dazu nicht.


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BeitragVerfasst: 29.10.2004, 10:45 
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Die ganze Diskussion geht nicht darum, dass man die technischen Möglichkeiten nicht ausreizen sollte. Die Dominanz der handwerklichen Perfektion wurde kritisiert.


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BeitragVerfasst: 29.10.2004, 11:47 
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Hallo Bohn, ich habe doch an keiner Stelle behauptet, dass ein Bild durch Unschärfe automatisch besser wird.

Sondern ich habe gesagt, dass sich eine stimmige Gesamtkomposition aus Inhalt, Form und Technik ergeben soll. Bei dem von dir angesprochenen Bild hatte meine erste Version eine Unschärfe vom Typ C, denn ich hatte sie nicht als Gestaltungselement eingesetzt. Das habe ich dank des Kommentars bemerkt und korrigiert.

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BeitragVerfasst: 29.10.2004, 12:04 
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ibmer3 hat geschrieben:
Sondern ich habe gesagt, dass sich eine stimmige Gesamtkomposition aus Inhalt, Form und Technik ergeben soll.


Hier findest Du meine vollste Zustimmung.
Kommen wir doch einfach zu dem Schluss, dass Bildbetrachtung eine rein subjektive Angelegenheit bleibt. Jeder sollte das in ein Bild hinein interpretieren, was seinem Anspruch entspricht. Ob nun scharf oder nicht. Ob man hierzu unbedingt von intellektuellen Niveaus sprechen sollte; ich meine nein.
Auch nicht jeder Künstler ist gleich ein Intellektueller, nur weil er abgehobenes Zeug vom Stapel lässt, wo ihm kein Normalsterblicher folgen kann.

Ich weiß deine obige Ausführung zum Thema natürlich durchaus zu schätzen. Die Argumentation ist hieb-und stichfest und auch nachzuvollziehen. Trotzdem gibt es unterschiedliche Meinungen zum Thema Schärfe und das ist auch gut so.

Betrachte meinen Hinweis auf dein "faules Bild" einfach als nett gemeinte Stichelei.

Gruss Christian


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BeitragVerfasst: 29.10.2004, 22:40 
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Hallo ibmer3,

so wie eine Fotografie vom Betrachter interpretiert werden kann, so geschieht dies ebenso mit dem geschriebenen Wort.
ibmer3 hat geschrieben:
Der Betrachter wird von jeglicher intellektueller Leistung freigesprochen und muss die Absicht nicht mehr erkennen, sondern nur noch kennen (z.B. dadurch, dass die Fotografin ihre Absicht dazuschreibt oder dass das Bild sogar in einer separaten Rubrik steckt).

Dies ist Deine Interpretation, dies war bei meinem Beitrag damit nicht ausgedrückt. Dies ist aus meiner Sicht eine reine subjektive Betrachtungsweise der hier aufgeführten Aussagen im Threat.

ibmer3 hat geschrieben:
Es wäre aber einfach nur ein Armutszeugnis, wenn man als fotografisch geschulter Betrachter nicht in der Lage ist, eine eigene Klassifizierung des Bildes vorzunehmen, die der Absicht der Fotografin gerecht wird.

Aus Deiner Sicht magst Du hier recht haben, doch wenn sich der Betrachter nicht sicher sein kann, ob seine Klassifizierung der Absicht der Fotografin gerecht wird, so ist dies nicht gleich ein Armutszeugnis oder die Vertretung eines Absolutheitsanspruches, sondern eine subjektive Wahrnehmung. Der einzelne Betrachter/ die einzelne Betrachterin sieht eine Fotografie aus einer anderen Sicht. Wäre es nicht schlimmer, wenn wir alle nur aus dem einen Blickwinkel ein Bild betrachten und bewerten würden?

ibmer3 hat geschrieben:
Also zusammenfassend: Der „Absolutheitsanspruch der Schärfe-Fraktion“, den ich hier kritisiere, äußert sich auf zwei Ebenen: 1. Die Technik wird über Bildaussage und über Gestaltung gestellt. 2. Der Betrachter wird zu einem rein passiv Aufnehmenden degradiert, der sich nicht an der Bildkommunikation beteiligt. Beides halte ich für eine unangemessene Verarmung des Mediums Fotografie.

Aus meiner Sicht wird die Technik nicht über die Bildaussage gestellt. Wie schon erwähnt setzt sich eine stimmige Gesamtkomposition aus Inhalt, Form und Technik zusammen. Ob nun die Komposition stimmig ist oder nicht, entscheidet der Betrachter allein für sich.

Abschließend möchte ich mich Christian anschließen:
Bohn hat geschrieben:
Kommen wir doch einfach zu dem Schluss, dass Bildbetrachtung eine rein subjektive Angelegenheit bleibt.


Noch ein schönes Wochenende

Gregor


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BeitragVerfasst: 01.11.2004, 14:07 
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Gerade zum Thema Schärfe und Unschärfe entdeckt:

Cover verkauft über meine Agentur Visum:

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BeitragVerfasst: 01.11.2004, 16:53 
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Andy Stuttgart hat geschrieben:
Gerade zum Thema Schärfe und Unschärfe entdeckt:

Cover verkauft über meine Agentur Visum:



Respekt mein Lieber.. aber nicht für dieses Bild.. das ist ja völlig verwackelt ;-) ..
Nee.. sondern für die restlichen Bilder unter: Wer suchet, der findet.. ist wirklich sehenswert, womit Du Dein Geld verdienst..

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Beste Grüße, Michael

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BeitragVerfasst: 01.11.2004, 21:01 
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@ibmer3:

Besser als in deinem Beitrag vom Fr, 29.10.2004 8:30 kann man es wohl nicht auf den Nenner bringen.

Wort für Wort wird die Unschärfe auf den Punkt gebracht, wenngleich - wie nicht anders zu erwarten - das Gro der traditionellen Realisten weiterhin ihre angestammte Position einnehmen wird.


lg Gerhard

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